Es war Montag, der 13. November, es war Zeit für Sankt Martin, es war (leider) Leverkusen, es regnete (ja klar, es war Leverkusen)…
Der Papa, also ich, schnell in seine dickste Winterjacke gesprungen – fit für den roten Helden. Nachdem mein gebrochenes Ichsehemeinekleineetwasselten-Vaterherz nun schon den ganzen Samstag die Kleine mit bei der Oma hatte, drohte mir also mit einem gemeinsamen Abend am Sankt Martinszug eine Überdosis Vatergefühle. Doch mein Körper konnte die Überdosis Glückshormone gut verkraften.
Punkt sechs Uhr sollte es losgehen. In wager Erinnerung an meine Schulzeit war ich im Glauben so ein Sankt Martinszug ist das Highlight des Herbstes, Sönke Wörtmann war mit der Kamera auch dabei und durfte sogar in den Klassenräumen filmen, also ein Herbstmärchen für jedes Kinderherz. Doch die Kinderwelt sieht heute anders aus…
Frau Breuer, also dem Lara-Kind seine Klassenlehrerin, hat natürlich sofort meine verantwortungsvolle Ausstrahlung erkannt und mich zum Fakelträger ernannt. Leider war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, dass die kleine Patrizia mich auf meinem Wege entlang des Zuges begleiten sollte. Dazu aber später mehr.
Da standen sie nun die Fackelträger mit ihrer Fackel in der Hand. Und ich sage es euch, eine Welt ohne Raucher ist der Tod eines jeden Sankt Martinszuges. Es gab niemanden der Feuer hatte. Selbst die Kinder aus der zweiten Klasse haben wegen der ganzen Diskussion ums Rauchen in der Öffentlichkeit ihre Kippen und ihre Feuerzeuge zu Hause gelassen. Gott sei Dank war aber ja noch die Feuerwehr da. So, die Brandstifter dann ihr erstes Feuer gelegt, war ich der Zünder des Abends. Alle Aufmerksamkeit galt für ca. 5 Minuten nur mir und meiner Fackel.
Fünf Schritte gelaufen wusste ich dann, dank Hakan, dass der Sankt Martin vorne auf dem Pferd gar nicht echt ist und dass die Bettlerin die gleich den Mantel bekommt gar keine Bettlerin ist. Hakan ist in der ersten Klasse und hat seine Mutter natürlich direkt aufgeklärt – und die wusste von nichts. Zumindest hat sie dem Hakan das glaubhaft rüber gebracht. Denke, der Kleine hat nachmittags noch ein bißchen im Internet recherchiert.
So und jetzt nochmal zurück zu Patrizia… die Kleine wusste, dass die Fackel die ich trage gefährlich ist. Gut aufgepasst Patrizia, man merkt die Kleine hört noch auf ihre Eltern (das war übrigens eine von wenigen gestern abend). Als sie mir dass dann zum hundertsten mal erzählt hat, dachte ich nur für mich … “ Du hast recht Patrizia, ich weiß es langsam auch….und wenn du mir das nochmal erzählst dann wird die Fackel tatsächlich zu deinem Verhängnis
„. Spaß beiseite, Patrizia hat mich gut unterhalten. Sie ist gesund nach Hause gekommen und ihren Weckmann habe ich auch nicht verbrannt.
Mein besonderer Favorit war übrigens Phillip. Zweite Klasse, zwei Köpfe größer als der Rest der Klasse und ein sehr aufgewecktes Kind. Sehr aufgeweckt! Das ist so ein Typ Junge, der immer in der ersten Reihe sitzt, mit 14 schon Abitur macht, den die Schule und vor allem Sankt Martin langweilt, denn man könnte ja zu Hause eigentlich auch die Hausaufgaben vom großen Bruder machen oder Nachhilfe in Mathe Logarythmenberechnung geben, den irgendwie soll der Große ja auch sein Abi schaffen. Der hat schon vor dem Zug alle Lieder alleine gesungen, und vor allem kannte der Lieder die kannte Sankt Martin selber nicht…ich glaube der hat sich heute nachmittag nochmal schnell in der Bücherei ein Buch „Chinesiches Sankt Martin“ geliehen, schnell ins deutsche übersetzt und auswendig gelernt. Phillip hat es dann während des Zuges geschafft, alle Lieder in Perfektion zu singen. Das Problem war nur, die Kapelle und der Rest des Zuges haben immer andere Lieder gespielt bzw. gesungen als Phillip. Egal Phillip, du hast Recht, die singen alle falsch.
So, meine Kleine Lara hat kein einziges Lied mitgesungen, ich glaube das ist auch ziemlich uncool, denn mit der Freundin quatschen ist viel besser…und ihre Laterne hat nur dann gebrannt, wenn man sie darauf hingewiesen hat.
Als letztes Highlight dann noch kurz von dem Vater erzählt, der beim Glühwein holen die Laterne seiner Tochter verloren hat (er kam nur mit dem Stab mit Glühbirne zurück, die Pappfledermaus hat er verloren). Die Kleine in Tränen ausgebrochen beruhigte er sie mit den Worten „ich hatte kein Geld für den Glühwein da habe ich mit Deiner Laterne gezahlt„. Ich fand das übrigens genauso lustig wie ER. Die Kleine und seine Frau aber leider nicht. Nun ja, aber wer hat nicht schonmal ´ne Nacht bei einem Kunpel geschlafen.
Den Weckmann haben die Kleenen auch noch alle Bekommen….beim Singen an Leverkusens Nachbarstüren war ich dann raus. Für mich war das aber mal wieder ein Traum von Abend, denn es ist immer wieder schön auch solche Events als Vater auf Entfernung zu begleiten.
10. Dezember 2006 um 17:19 |
Sowohl die Lara als auch der Philip sind Kinder nach meinem Geschmack. Beide verfolgen auf unterschiedliche Weise den Weg der Anarchie. Der eine singt dagegen, die andere kämpft mit „Nicht-Achtung“ der Zeremonie. Der Hakan ist ebenfalls ein ganz „Großer“. Der ist wohl erst sechs, hat es aber schon kapiert. So weit ich mich erinnern kann, war der Verkleidete auf dem Pferd immer einer der berittenen Polizei. Nur um eine nackte Bettlerin, auf der Suche nach Kleidung, sind die Väter bei den Sankt Martin umzügen während meiner Kindheit wohl immer betrogen worden. Der Vater mit der verlorenen Laterne, hat mit seinem Stab wohl eher die nackte Bettlerin gesucht. Oops! Und weil wahrscheinlich erfolglos, denn die Bettlerin ist ja nun mit dem Martin unterwegs, hat er die Laterne, im „Gammel-Glühwien-Suff“ wahrscheinlich wirklich verhökert. Für den Schuß Amaretto. Warum auch nicht. Bestimmt hat er die Laterne sowieso bezahlt. Und da ein Mädchen ja niemals ein zweites Mal mit dem gleichen Accessoire aus dem Haus geht und Sankt-Martin nun ja eh vorbei ist, zurecht. Der Mutter sei gesagt: Sehen Sie es positiv. So ehrliche Männer sind selten!!!
Noch ne Anmerkung aus der letztjährigen „Sankt-Martin-Terror-Periode“. Komme so gegen 18.30 von der Arbeit. Reichlich genervt von der Fahrt mit dem „Gesinde-Transporter“ des ortsansässigen Fuhrunterhenmens (KVB). Steuere Gerade auf meine Haustür zu, als eine Horde von Fakelträgern (ja: Fakeln, brennend, nix mit selbst gebastelten Laternen) ebenfalls auf meine Haustür zu steuert. Kleine Anmerkung am Rande: vier jungs, sehr festlich gekleidet, mit Bomberjacken, Tarnhosen und sehr hochwertigen Turnschuhen. Wie auch immer: So warm und hell war es vor meiner Hautür das letzte mal im Hochsommer. Aus Gründen die man wohl als „Schicksalsschläge“ abhaken muss, drückt einer dieser kleinen süssen Racker auf den Klingelknopf, neben den ich meinen Namen angebracht habe. „Was kann ich für euch tun“, klingt es aus meinem „Dienstleister-Mund“ (ich sollte lernen Beruf und privat von einenader zu trennen). „Ist das Ihre Klingel?“, schallt es mir respektlos entgegen. Und weiter weiss ich nur noch was von Sankt Martin, Geld oder Süssigkeiten. Kann aber auch Geld oder Leben angesichts der Kleidung und Bewaffnung dieser kleinen Militaristen-Truppe gewesen sein. Nach dem mir dann zum wiederholten male vor Augen geführt worden ist, dass einem „Erwachsenen“ heute kein Respekt mehr gezollt wird, wurde ich mit den Worten verabschiedet:“Das sagen wir unseren Brüdern“. Und das nur weil ich mich gegen diese Erpressung gewehrt habe. Ein Sankt Martin Lied konnten die allerdings auch nicht singen. Zum Glück ist bis heute kein Bruder aufgetaucht.
Und jetzt wieder zurück zu Deinem Beitrag, Stefan. Lara, Hakan, Philip. Wie schön harmlos. Und ich weis jetzt auch warum früher so etwas nicht passiet ist. Da ist der berittene Polizist nämlich danach auf Streife gewesen. Und nicht mit seiner halb nackten Bettlerin sonstwo.
Deshalb solltest Du im nächsten Jahr vielleicht Doch mit singen gehen. Einer muss ja auf die Lara, den Philip und den Hakan aufpassen!!!
Ruf mich an, gehen wir beide mit!!
Carsten